Karneval in Bahia // Brasilien
Der Carneval in Salvador ist der grösste Strassenkarneval der Welt. Von Mittwoch bis Aschermittwoch wird durchgetanzt nach dem Rhythmus der zahlreichen, auf ungetümen Lautsprecherwagen spielenden “Trio Eléctricos” – besonderes Kennzeichen des bahianischen Karnevals. Früher dominierte auch hier der Salon- und Clubkarneval, bis im Jahre 1950 zwei Musiker namens Dodô und Osmar zusammen mit dem Fahrer Aragão auf einem alten Ford zwei Lautsprecher montierten und dem Strassenkarneval neue “dröhnende” Impulse gaben. Das alte Vehikel ist heute Museumsstück in der Casa da Música am Lagoa do Abaeté, doch der Siegeszug der Trio Eléctricos war fortan nicht mehr aufzuhalten. Ihre Zahl geht bereits in die Hunderte, jedes Jahr sind sie grösser, wattstärker und aufwendiger ausgestattet. Und die Schar der hüpfenden Gefolgschaft nimmt ebenfalls beständig zu. Anders als in Rio, wo die meisten Veranstaltungen in Clubs organisiert sind und die Karnevalsschulen durch ein Stadion ziehen, findet das Spektakel in Salvador fast ausschliesslich auf der Strasse statt. Geschichtlich gesehen ist der bahianische Karneval schon getrennt entstanden, so der Dichter und Forscher Antonio Risério. “Auf der einen Seite der “weisse” Karneval der Salons mit Bällen in geschlossenen Clubs, wo Quadrillen und Walzer getanzt wurde. Auf der anderen Seite der Karneval der Schwarzen, der Karneval der Strasse, zum Samba der Batuques, zwischen Muscheln und Rasseln”. Seither hat sich einiges geändert. Dennoch bleiben auch im Strassenkarneval Menschen unterschiedlicher Hautfarbe und Herkunft innerhalb der einzelnen Gruppen unter sich. Einzige Ausnahme ist zur Zeit Olodum, der auch bei der weissen Mittelschicht in Mode gekommene Afro-Block. In den Tagen vor Beginn des Karnevals sind alle noch ein bisschen aufgekratzter und besser gelaunt als bei den Vorbereitungen zu den übrigen Festen. Schon Wochen vorher bauen städtische Angestellte Zuschauer- und Pressetribünen auf, zäunen Polizisten ihre Beobachtungsposten ab. Der zentrale offizielle Umzug findet im Zentrum ab Campo Grande statt. Am Donnerstag übergibt der Bürgermeister den Stadtschlüssel dem dicken Karnevalskönig “Rei Momo” – dafür werden immer schwergewichtige Männer ausgesucht – , der die kommenden Tage das Treiben lenkt. Damit ist der Karneval in Salvador offiziell eröffnet.
Fast alle Karnevalsgruppen sind an mehreren Tagen auf der Strasse. Die stärker der afrikanischen Tradition verbundenen Karnevalsgruppen, die “Blocos Afros & Afoxés“, eröffnen die Umzüge meist mit einer religiösen Zeremonie in ihren Stadtteilen, bevor sie ins Zentrum ziehen. Der lokale Hauptzug am Freitagabend nimmt seinen Ausgang im historischen Pelourinho-Viertel, angeführt von den 150 Trommlern der afro-brasilianischen Percussion-Gruppe “Olodum” und gefolgt von über 3.000 Anhängern. Samstagnacht zieht der älteste Bloco Afro “Ilê Aiyê“, nach einer rituellen Zeremonie die schmale Rua do Curuzu in Liberdade entlang. Am Sonntag Nachmittag dann startet der Afoxé der “Filhos de Gandhi” vom Pelourinho aus. An das vorgegebene Zeitprogramm hält sich niemand, alles beginnt immer Stunden später als vorgesehen. Aschermittwoch früh, wenn die Sonne schon längst aufgegangen ist, versammeln sich die grössten Karnevalsgruppen mit den bekannten Stars auf der Praça Castro Alves zum gemeinsamen Abschlusskonzert. Diejenigen, die immer noch nicht genug haben, laufen runter bis nach Barra, um dort noch die letzten Klänge mitzubekommen. So gegen Nachmittag ist der Karneval dann zu Ende – vorerst. Denn schon Stunden später sitzen übermüdete Menschen singend an den Stränden, die Trommel unter dem Arm, das Tamburin in der Hand. Niemand möchte aufhören zu feiern, denn das Ende des Karnevals bedeutet auch, dass der Sommer zu Ende ist. Jedes Jahr reklamiert die katholische Kirche, dass die Fastenzeit nicht eingehalten wird, ohne viel Erfolg. Denn im Stadtteil Barra spielen bereits am Wochenende darauf die preisgekrönten Gruppen, und in einem grossen Club am Meer findet der Kater-Ball “Baile de Ressaca” statt. Eine Woche nach Karnevalsende wird dann in Arembepe, 50km nördlich von Salvador, bei einer Lavagem noch einmal kräftig gefeiert, fast wie im Karneval. Erst dann wird das Leben in Bahia ruhiger. Wirkliche Konkurrenz zum bahianischen Karneval gibt es lediglich in Recife und Olinda, den traditionellen Karnevalshochburgen des Nordostens. Nachdem im Jahre 1995 der Bloco “Galo da Madrugada” wegen einer Gefolgschaft von über 1 Mio. Menschen ins Guiness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde, feiert man nun im Bundesstaate Pernambuco den längsten Karneval südlich des Äquators, nämlich bis zum Ende des Monats.
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